Mit Allah gegen den Dollar

Der Patriotismus der in Österreich und Deutschland von Intellektuellen (zu meist Linken) Kreisen verpönt wird, ist für Länder wie die Türkei von enormer Relevanz. Unausweichlich führt ein unbewusst gelebter Patriotismus vor allem in kollektiven Stresssituationen zu negativen Nebenwirkungen wie Rassismus. In der idealen Form jedoch ist Patriotismus die Liebe zu dem nationalen bzw. kulturellen Kollektiv, zu Land & Kultur der man sich zugehörig fühlt.
 
Die wichtigsten strategischen Funktionen des Patriotismus sind der Zusammenhalt und die Mobilisierung in Krisenzeiten.
 

Die Entstehung des Nationalgefühls bei Türken

Wie so oft bildeten die Nachzügler einer Veränderung plötzlich die Speerspitze dieser Veränderung. So kam es, dass ein Frankreich das sich unter Ludwig XIV. dem „Gottesgnaden“ und Sonnenkönig besonders lange bis Ludwig XVI. jeglicher Progressivität verwehrte, sich ab 1789 an die Spitze der radikalen (jakobinischen) Aufklärung katapultierte. Auch die Osmanen kannten bis zum Ende des 19. Jahrhunderts keinen expliziten türkischen Nationalismus. Die Ummah wurde durch den Islam zusammen gehalten. Minderheiten wurden anerkannt und bekamen gegen eine erhöhte Steuerabgabe partielle Autonomie.
 
Nach dem Zerfall des osmanischen Reiches bildete das Türkentum und der Islam das neue Ideal (Ülkü). Ziya Gökalp der Staatsideologe Atatürks definierte diese Form als das neue Ideal und lehnte sich hierbei an Durkheim. Denn er meinte die Osmanen hätten es verschlafen in einer Welt in der die mechanische Solidarität (Kultur, Tradition und Sitten) durch die Stärkung des Individuums immer mehr an Wirksamkeit verlor, zeitgemäße Ideale zu bilden. Es musste ein Allumspannendes Ideal her. Ziya Gökalp entschied sich für das Türkentum in Kombination mit dem Islam. Wie sollte man sonst ohne entsprechendem Ideal, die durch Kriege traumatisierten Osmanen für eine erneute militärische Mobilisierung gewinnen? Bis heute gilt diese Doktrin in der Türkei, denn sie hatte sich während des Befreiungskrieges der Türkei zwischen 1919-1923 als Solche manifestiert und bewährt.
 

Das WIR-Gefühl Europas im 21. Jahrhundert?

In den reichsten Ländern der Welt hingegen, vor allem in Mitteleuropa stellt sich die Frage der Mobilisierung höchstens bei der Flüchtlingsabwehr. Daher ist es bei einer durch den Nationalismus der Nazis geprägten Vergangenheit verständlich, weshalb man den Nationalismus hierzulande verabscheut. Hiermit läuft man allerdings Gefahr eine große Nische deutschnationalen Rassisten zu überlassen.
 
Welche Werte verbinden uns in Deutschland und Österreich miteinander wenn es denn nicht die Liebe zur Nation ist? Parteien wie die Neos versuchen diese Lücke mit einer Verbundenheit zu Europa zu kompensieren. Allerdings wird ein Wiener aus dem Grätzl wenig mit diesem kollektiven Mythos anfangen können. Europa will ein Pendant zum starken US amerikanischen Kollektiv darstellen. Denn die Welt bewegt sich von dem Trend zu Nationalstaaten nach dem 18. Jahrhundert, erneut zur Bildung von Imperien, Zarenreichen und Monarchien. Starke Männer an der Spitze von Staaten sind so gefragt wie noch nie zuvor. Wenn Europa hierbei schneller voran kommen möchte, dann ist die Realisierung dieses kollektiven Gefühls mit einem gemeinsamen Feind einfacher als durch gemeinsame Werte. Das scheinen bereits die meisten Politiker für sich entdeckt zu haben:
 
Die faire Flüchtlingsverteilung in der EU fand nicht so viele Anhänger wie die Idee der hermetischen Abriegelung des Kontinenten – „die Festung Europa“.
 

Der Klebstoff Europas

Europa muss also noch seinen größten gemeinsamen Nenner finden: Demokratie, „Liberalismus“, Soziale Gerechtigkeit, Wirtschaftlichkeit, „Sozialismus“, Wissenschaftlichkeit und Humanismus? Die Auferstehung der Populisten zeigt uns, dass diese hohen Werte allzu leicht mit Hetze und einer Politik der Angst auszuhebeln sind. Es zeigt uns auch, dass wir keine Antwort auf diesen rückwärts gerichteten Trend parat haben.
 
Statt dümmliche Erdogan-Diskussionen zu führen (die bestimmt auch bereits die Politik des gemeinsamen Feindes sind), sollten wir doch diskutieren, wie wir diesen modernen Supermächten als Europa entgegenstehen können. Falls immer noch jemand fragt, weshalb es wichtig ist eine Form des kollektiven Gefühls zu haben, der nehme das Beispiel der Türken. Beim Putschversuch im Juli 2016 stellten sich Menschen gegen Panzer und Kanonen, gegen Kampfhubschrauber und Bomben. Millionen von Menschen bildeten eine unermüdliche Einheit und sicherten ihre Souveränität. Heute zwei Jahre später, führt die US Administration erneut einen Krieg gegen die Türken. Diesmal schießt man nicht mit scharfer Munition sondern mit Geld, sprich dem Dollar!
 

Wie funktioniert Geld überhaupt?

„Geld ist ein effektives Speicher- und Transportmedium für unseren Besitz, weil es unhandliche materielle Vermögenswerte wie Land oder Ziegen in etwas Leichtes und Tragbares verwandelt, wie zum Beispiel die Kaurischnecken. Aber erinnern Sie sich, dass der Wert dieser Muscheln nur in unserer Fantasie existiert und nichts mit ihrer chemischen Zusammensetzung, Farbe oder Form zu tun hat. Geld ist keine materielle, sondern eine hochgradig spirituelle Angelegenheit: Es verwandelt Materie in etwas rein Geistiges. Wie funktioniert das? Warum sollte jemand bereit sein, wertvolle Reisfelder gegen wertlose Kaurischnecken einzutauschen? Warum sollte jemand im Tausch gegen ein paar bunte Papierschnipsel bereit sein, Hamburger zu braten, Versicherungen zu verkaufen oder auf drei quengelnde Gören aufzupassen?

Zu diesen und anderen Geschäften sind wir nur bereit, weil wir genug Vertrauen in die Produkte unserer kollektiven Fantasie haben. Vertrauen ist der Rohstoff, aus dem Münzen geprägt werden. Wenn der wohlhabende Bauer sein Hab und Gut gegen einen Sack Kaurischnecken verkauft und damit in eine andere Provinz zieht, dann vertraut er darauf, dass ihm die Menschen in seiner neuen Heimat diese Schnecken wieder gegen Reis, Häuser und Felder tauschen. Geld ist also ein System gegenseitigen Vertrauens, aber nicht nur irgendeines: Es ist das universellste und effizienteste System des gegenseitigen Vertrauens, das je erfunden wurde.“ Juval Noah Harari 

Türken gegen den Dollar
 
Zig-Tausende Türken trotzen den Sanktionen der USA und wechseln ihre Devisen nun in türkische Lira um. Die Diaspora investiert nun aktiv in das Land und erwirbt Immobilien, Aktien und heimische Produkte. Viele wissen, dass sie ihr eigenes Hab und Gut riskieren um einen winzigen Beitrag zu leisten. Aber der psychologische Beitrag, sprich der spirituelle Effekt ist immens. Das Ideal des Patriotismus kämpft nun gegen einen der stärksten modernen Mythen: den Dollar. „Bares ist Wahres“, hieß es nur viel zu lange in unserer Gesellschaft. Wenn alle Menschen daran glauben dass der Dollar nichts wert ist, ist er dann noch etwas wert? Wenn Menschen ihre nationale Zugehörigkeit (bzw. Zahlungsmittel), ihre Menschlichkeit, ihre Liebe zur Natur oder andere Werte höher stellen als wie ein Zahlungsmittel der USA und auf etwaige Gewinne verzichten und monetäre Verluste wohlwollend in Kauf nehmen, zerplatzt die Blase der Dollar Religion nicht an Ort und Stelle? 
 
 
 
 
 
 
 
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