Die Scheidungskinder zwischen Wien und Istanbul oder wenn Kinder erwachsen sein müssen

In den letzten Tagen fühle ich mich wie ein Scheidungskind.

Mein Mutter- und Vaterland haben ständig einen heftigen Krach und das schon seit mehreren Jahren. Alles was die Eine macht ist für den Anderen nicht nur falsch, sondern eine feindliche Geste. Seit Jahren sind sie nicht gut aufeinander anzusprechen. Und noch schlimmer, wenn man auch nur andeutet die andere Seite etwas zu verstehen wird man gleich der Ausreise zu demjenigen Land aufgefordert. Man solle sich doch dorthin begeben, wenn es einem dort lieber ist und das andere Land doch so perfekt sei. Man sei undankbar und wüsste nicht zu schätzen was man in dem eigenen Land gehabt hätte.

Eine gute Ausbildung, ein solides Sozialsystem und eine vorbildliche Demokratie zum Beispiel. Aber selbst die Demokratie bedarf einem normalen Zustand und keiner Scheidungskrise. Denn Demokratie kann ganz und gar nicht mit Polarisierung und gegenseitigen Emotionalitäten umgehen. Und in der Zwischenzeit bemühen wir uns Scheidungskinder stets weiterhin um die Versöhnung unserer Eltern. Wir gehen zu Österreich und sagen: „Nein, die Türkei ist nicht so übel wie ihr das immer darstellt“! Und nein liebe Türkei, wir in Österreich sind keine Rassisten. Und immer wieder sind wir entweder fanatische Erdogananhänger oder assimilierte Österreicher die ihre Herkunft leugnen. Nein verdammt, wir wollen einfach nur dass ihr euch vertragt.

Wir sind eure Kinder, wir haben eure Gene in uns. Der Wiener Schmäh und der türkische Witz, die österreichische Zuverlässigkeit und die türkische Innovativität, die europäische Besonnenheit und das anatolische Temperament, die abendländische Bescheidenheit und Hilfsbereitschaft kombiniert mit der türkischen Zivilcourage und so vieles mehr in uns Austro-Türken vereint. Seit ihr euch denn bewusst, was das für ein Segen ist diese Werte leben zu können?

Eure Streitereien geben uns keine Gelegenheit uns aus der reaktiven Verteidigungshaltung zu befreien und uns auf unser Potenzial der genialen kulturellen Kombination zu fokussieren. Ihr mögt zwar heute diese Ehe, angefangen mit dem Anwerbeabkommen vor 52 Jahren bereuen, aber wir können nichts dafür, wir lieben euch beide. Wir sind eure Kinder, so vollkommen oder unvollkommen wir auch für euch sein mögen. Und wenn es sein muss, streiten wir noch ein Leben lang in Österreich um die Türkei und in der Türkei um Österreich zu verteidigen. Nein wir werden uns nicht assimilieren lassen, weder von der Türkei noch von Österreich, zu wertvoll ist die genetische Kombination die wir von beiden Ländern in uns tragen, zu groß ist das Potenzial dass in uns brodelt, zu schade wäre es wenn wir uns für Papa oder Mama entscheiden müssten.

Wir lieben euch beide und ihr zwei Dickschädel, werdet euch früher oder später ohnehin versöhnen müssen und euch dann wahrscheinlich fragen, wieso wir eure Scheidungskinder denn so sensibel und erschöpft reagieren?

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