Geld für das Kopftuch

Dieses Gerücht kenne ich schon seit meiner Kindheit. „Sie werden aus Saudi-Arabien“ bezahlt schimpfte unsere Nachbarin und deutete auf meine Verwandte mit Hijab. Sie würden von Salafisten bezahlt werden, dafür dass sie das Kopftuch tragen. Das schockierte mich, denn ich wusste das meine Verwandschaft dies niemals für Geld machen würde. Meine Nachbarin war übrigens ebenfalls eine Türkin und sie war Kemalistin und Republikanerin. Wie der Name schon sagt, ist auch diese Ideologie ein Personenkult der um den Staatsgründer Atatürk erfunden wurde. Als Kind überlegte ich wie Menschen dermaßen verbohrt sein konnten. Ich kam drauf, dass diese Argumentation dazu diente eine kognitive Dissonanz in den Köpfen der Beschuldiger zu schließen. Sie verstanden einfach nicht, wie ein Mensch aus freien Stücken das Kopftuch tragen konnte. Selbstverständlich kamen noch Komplexe hinzu, die das Kopftuch bei schwachen Charakteren im Stande ist zu aktivieren:

„Nur weil sie ein Kopftuch trägt, glaubt sie ist sie was Besseres“

Zwischen den Zeilen: 
Ihr Kopftuch gibt mir das Gefühl nicht so fromm, gottesfürchtig oder keusch zu sein. Ich bin doch kein unanständiger Mensch, nur weil ich kein Kopftuch trage.

„Auch wir leben den Islam ordentlich dazu brauchen wir kein Kopftuch, das sind die Rückständischen“

Zwischen den Zeilen: 
Ich will einfach kein Kopftuch aufsetzen, mir gefällt mein Leben wie es ist. Nicht ich liege falsch sondern sie mit ihrer Kopfbedeckung ist diejenige die es übertreibt.

„Sie bekommen Geld aus Saudi Arabien dafür, dass sie das Ding da tragen!“

Zwischen d. Zeilen: 
Sie kann das doch nicht wirklich durchziehen. Sie trägt das Kopftuch tatsächlich immer. Das könnte ich selber nicht und sie muss auch etwas davon haben, sonst würde sie es nicht tun. Sie wird bezahlt, das muss es sein!

Ich hatte letztens das Zitat eines Hirnforschers gepostet, das diese affektive Argumentation sehr gut beschreibt: „Du siehst Dinge nicht als das was sie sind, du siehst sie als das was du bist!“ – Nichts anderes passiert auch hier.

Das Menschenkind ist stets auf der Suche nach sozialer Geltung, schließlich sind wir auch soziale Wesen. Um den eigenen Rang in der Gesellschaft zu verstehen, vergleichen wir uns stets mit unseren Nächsten. Ein Gegenüber der uns in Reichtum, Schönheit, Intelligenz, Einfluss, Charisma, Attraktivität, Karriere, Popularität oder Potenzial vermeintlich überlegen ist, aktiviert umgehend eine Vergleichsmatrix in uns. Wir finden Gründe weshalb die Vorzüge des Gegenübers, nicht so doll sind wie sie auf dem ersten Augenblick scheinen.
Selbstverständlich machen das vermehrt Menschen mit einem unausgewogenem Selbstwertgefühl, aber davon soll es ja ausreichend geben.

Zurück zum Thema. So entstand in der Türkei das Gerücht, dass Damen die ein Kopftuch tragen, dies natürlich nicht aus einer Tugend heraus taten sondern weil sie beispielsweise Geld dafür bekämen. Auch Laila Mirzo (Anti-Islam Expertin) behauptete während unserer Diskussion auf OE24, dass ihr Cousine Geld von Saudi Arabien bekäme, damit sie ein Kopftuch trägt. Bei soviel „Kopfgeld“ müsste es doch irgendwo einen Zahlungsbeleg, Kontoauszug oder eine Strafanzeige geben? Wieso gibt es dies Nachweise nirgends? Natürlich gibt es sie nicht, weil das einfach nur Ammenmärchen sind. Solche Geschichten gibt es über alle ideologischen Widersacher und das bestimmt in jedem Land, an jedem Ort wo es Menschen gibt.

Das Problem hier ist, dass man diese Geschichten-Erzähler, Erfahrungsexperten, Kronzeuginnen aus dem Wunderland hernimmt um das Titelbild auf dem Kurier mit dieser Lüge auszufüllen. Das wiederum in einer Zeit, wo die Frau Novak von der SPÖ das Kopftuch-Verbot ins Spiel gebracht hat, die AMS Vize-Obfrau stolz diskriminierende Maßnahmen gegen Hijabis im Profil verteidigt hat und der Rechtsruck in dem Land Hochkonjunktur erlebt. Meinungsmacher nutzen unverschämt Tratsch und Klatsch von Tante Seyrans sowie Onkel Aslans, um den Hass gegenüber einer religiöse Minderheit immer weiter zu schärfen. 
Wenn es ein Problem gibt, dann fragt doch bitte Theologen, Orientalisten, Islamwissenschaftler, die auch wirklich als solche bezeichnet werden dürfen. Eine verwirrte Juristin die alles erzählt was sie beim türkischen Bingo-Abend gehört hat, in die Schlagzeilen zu tragen ist doch unverantwortlich fahrlässig.

Das ist so als würde man Lugner in türkischen Nachrichtensendungen über das österreichische Frauenbild berichten lassen. Er ist Geschäftsmann, Kandidat zum Bundespräsidenten, der Star des Opernballs und ein sichtlich netter alter sympathischer Mann der keinem Böses tun würde. Warum also nicht? Da fallen uns plötzlich viele Gründe ein, so auch uns Austro-TürkInnen bei Tante Seyran.

Share Button
Schlagworte:Schlagwörter:

Hinterlasse einen Kommentar?