Warum TürkInnen Erdogan wählen!

Seit nun über 7 Jahren gibt es kein Thema, das in Europa so stark polarisiert wie Erdogan. Dutzende Talkshows, hunderte Schlagzeilen, zahllose Beiträge und Berichte über den vermeintlichen Diktator am Bosporus. Weder Putin, noch Trump haben es bislang geschafft dermaßen zu polarisieren wie der ehemalige Bürgermeister Istanbuls. Apropos morgen wählen TürkInnen erneut ihre BürgermeisterInnen für weitere fünf Jahre. Ein hitziger Wahlkampf der ungewöhnlich stark für Gemeinderatswahlen polarisierte geht somit ebenfalls zu Ende.

Die Erdogan-Bahceli Koalition bezeichnete diese Wahlen als existenziell wichtig für die Türkei. In üblicher Manier stilisierte man auch diese Wahlen zu einem Überlebenskampf für die gesamte Nation! Nur war dem wirklich so? Auch möchte ich folgende Frage stellen: Erdogan gewann bisher mehr als 13+ Wahlen in Serie und auch heute wird er laut sämtlichen Umfragen, zwar mit Verlusten aber dennoch als Erster durch die Ziellinie marschieren. Weshalb wählen dermaßen viele Türkinnen Erdogan und seine Partei? Was sind die wahren Gründe für seinen Erfolg?

Ich denke trotz all der Thematisierung, ist diese Frage aufgrund von Hysterie, Panik und einer latenten Islamophobie stets in den Diskussionen offen geblieben. Ich wage den Versuch, aus der Perspektive eines in Europa sozialisierten Menschen die Beweggründe kulturell bestmöglich zu übersetzen.

Warum wählen TürkInnen mehrheitlich Erdogan?

Die AK-Partei hat in 16 Jahren nun 13 Wahlen gewonnen und stellt somit mit Abstand die erfolgreichste Serie in der Geschichte der türkischen Republik dar. Die Chancen stehen gut, dass heute der 14. Sieg davongetragen wird. Aber was ist ihr Geheimnis, was sind die Beweggründe für diesen stetigen Erfolg, trotz all den tiefgreifenden Krisen in den letzten Jahren?

Die Angst vor der alten Türkei

Die Türkei vor Erdogan war weder Platons Politeia noch eine andere utopische Staatsform. Im Gegenteil, eine weiße elitäre Schicht regierte selten in Regierungsverantwortung, jedoch stets durch die eiserne Hand des ultra-kemalistischen Militärs und weiterer staatlichen Institutionen das Land. Die Demokratie hörte dort auf, wo das Militär ihre Interessen in Gefahr vermutete. So geschehen in drei Putschen: 1960, 1980 sowie 1997.

Beim ersten erfolgreichen Putsch wurde der erste demokratisch gewählte Ministerpräsident der Türkei, Adnan Menderes gestürzt und nach einem Schauprozess erhängt. Menderes genoß ähnlich wie Erdogan eine große Unterstützung unter dem Volk und auch Erdogan zieht oft Parallelen zu dem ehemaligen Ministerpräsidenten der Türkei. Kurden und praktizierende MuslimInnen erfuhren durch das ultralaizistische Ein-Partei-Regime Inönüs starke Repressionen, wie z.B. das Verbot des Gebetsrufes auf arabisch. Die Lehre des Koran war über 24 Jahre lang in der Türkei verboten, man kam seinem Glauben in Verstecken sowie Scheunen und Mühlen nach.

Eine jakobinisch erzwungene Aufklärung wurde den TürkInnen Jahrzehnte lang oktroyiert, wobei man den freien Geist der Aufklärung stets mit westlich kulturellen Gepflogenheiten verwechselte. Zur Veranschaulichung möchte ich die “Hut-Reform” anführen, die seitens Atatürks persönlich eingeführt wurde. Sie sah bereits 1925 vor, dass die Türken einen westlichen Hut zu tragen hatten und die orientalische Kopfbedeckung verboten werden musste. Unter denjenigen die sich weigerten wurden Exempel statuiert und einige darunter auch laut historischen Quellen hingerichtet.

Der Ultra-Laizismus führte in so einer religiösen Gesellschaft wie es die osmanische war, zu hohen Spannungen. Die Zustände gleichten denen des heutigen Ägyptens, in der eine Mehrheit durch eine militärische Minderheit in ihren religiösen Grundwerten unterjocht wird. Ähnlich wie heute in Ägypten eine Militär-Marionette das eigene Volk mit Folter und Morden unterdrückt und Demokratie plötzlich kein Anliegen mehr für die europäischen Mächte zu sein scheint, rührte sich auch damals kein solidarischer Finger in Europa für die Anliegen der unterdrückten MuslimInnen in der damaligen Türkei.

Für Europa schienen diese Repressionen kein Grund dafür zu sein, um einen Diskurs zu starten oder gar Ermahnungen in Richtung Türkei auszusprechen. Weder das Kopftuchverbot, noch die harte Diskriminierung von gläubigen Musliminnen und anderen Minderheiten gaben Anlass dazu. In der Zwischenzeit bildeten sich islamisch konservative Parteien, die zuletzt am 28. Februar 1997 durch ein Dekret des Militärs geputscht wurden und die Unterdrückung gegen Musliminnen erneut an Fahrt gewann. Erdogan selbst wurde im Zuge dieses Putsches aufgrund eines Gedichtes, das er vorgetragen hatte zu 1 Jahr und 2 Monaten verurteilt.

Der damalige Bürgermeister Istanbuls, der die größte Stadt der Türkei von den Müllbergen und der Luftverschmutzung befreit hatte, wurde von hunderttausenden zu seinem Haftantritt begleitet. Spätestens an dem Tag wurde für die TürkInnen der “Held Erdogan” geboren. Ein Mann, der aus dem Volk kam und sich dem Regime mutig und furchtlos entgegen stellte.

Der wirtschaftliche Erfolg und die Herrschaft des Volkes

Die obsessive Schwarzmalerei gegen Erdogan aus dem Westen, scheint im Rückblick seiner Partei ausschließlich genutzt zu haben. Die Kritik die ziemlich schnell zu einem Erdogan-Bashing überschwappte und ihn zum größten Übel aller Zeiten stilisierte, verhinderte eine sachliche Analyse in jeglicher Hinsicht. Viele Gesprächspartner in Österreich reagieren verwundert, wenn man den wirtschaftlichen Aufstieg der Türkei anhand von Zahlen demonstriert. Die Wirtschaft der Türkei gewann unter Erdogan bis vor wenigen Jahren deutlich an Schwung. Ein Blick auf das BIP der Türkei über die letzten Jahre reicht um zu verstehen, das ein immenser Aufschwung das Land in neue Höhen katapultiert hatte.

Das BIP das 2001 noch bei 200 Milliarden USD lag, liegt heute bei mehr als dem vierfachen, sprich 850 Milliarden USD im Jahr. Allerdings befindet sich die Türkei aufgrund der Währungskrise, sowie weiteren Instabilitäten derzeit in einem kritischen Zustand. Die Inflation als auch die schwache Lira tragen den Bürgern stark bei. Erdogan spricht von einem Wirtschaftskrieg. Kritiker hingegen suchen den Grund vielmehr in der staatlichen Einmischung der Regierung in die Mechanismen der Zentralbank sowie politischer Instabilität.

Mehr als die Großprojekte, die Erdogan in der Türkei zu realisieren pflegt lösen die karitativen Initiativen in Drittweltländer einen besonders emotionalen Trigger bei Anhängern Erdogans. Die Türkei hilft in Afrika, Myanmar sowie in zahlreichen anderen Ländern mit dem weltweit höchsten Aufkommen im Verhältnis zum BIP. Auch in absoluten Zahlen scheint die Türkei die Weltspitze bei karitativen Aktionen anzuführen. Ganz zu schweigen von den über 3 Millionen syrischen Flüchtlingen, die Heimat in der Türkei fanden. Wobei mittlerweile die dermaßen hohe Anzahl an Flüchtlingen zu einem hohen Unmut in der türkischen Bevölkerung geführt hat und die Opposition mit FPÖ-ähnlichen Sujets um die Gunst der Wähler buhlt.


Abbildung: “Ich werde den Bezirk Fatih nicht den Syrern überlassen”

“Führer der islamischen Welt, die Hoffnung für alle Muslime”

Für viele MuslimInnen auf der Welt ist Erdogan die Person die sich mutig von den Fesseln des Militärs und somit der westlichen Unterdrücker befreit hat. Nicht zuletzt erweckt die osmanische Vorreiterrolle der Türken über die letzten Jahrhunderte ein gewohntes Muster an einer vereinten Ummah (muslimischen Gemeinschaft). Auch die exzessiven Angriffe aus dem europäischen Ausland schienen diese These lediglich zu untermauern.

Das abstrake Gebilde des “Westens” war nach Europas Kolonialgeschichte bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts zu einem kollektiven Feindbild ausgeartet. Wenn man versteht, dass das Kollektiv, im Orient eines der wichtigstes Narrative bildet, dann versteht man auch, dass kollektive Feindbilder die effektivste Methode zur Mobilisierung darstellen.

Ähnlich wie der Wunsch nach einem starken Führer in Europa insbesondere in Österreich nach der “Flüchtlingskrise” gestiegen ist, sind die Länder im nahen Osten ständig in Krisen und stehen permanent vor militärischen Auseinandersetzungen. Dieser Umstand wirkt sich natürlich auf die politische Entscheidung der Menschen aus. Eine starke Person, die dem “Westen” die Stirn bieten kann und nicht davor zurückschreckt den USA, Israel und Europa kollektiv die Leviten vorzulesen, ist Balsam auf die gekränkte Seele vieler MuslimInnen.

Ein repräsentatives Beispiel, das gerne von AK Partei Anhängern als Referenz für die neue starke Türkei hergenommen wird ist folgendes Bild:

In der Abbildung oben sieht man wie der damalige Premierminister Bülent Ecevit die Hände zusammengefaltet, in einer Bittstellung vor einem mehr als nur entspannten Bill Clinton steht. Erdogan hingegen posiert bewusst in der selben lockeren Körperhaltung wie Obama und vermittelt dadurch den starken Präsidenten der neuen starken Türkei. Eine Türkei die auf Augenhöhe mit der Welt kommuniziert, eine Türkei die stark genug ist jedes Land herauszufordern. Diese Symbolik hält sich auch heute im Jahre 2019 und ist immer noch ein Indikator für Anhänger Erdogans, dass nun alles besser als damals ist.

Die fehlende Alternative

Einer der tragenden Punkte für Erdogan ist definitiv die fehlende Alternative in der türkischen Politik. Wenn man im Westen wünscht, dass Erdogan abgesetzt wird, dann tut man das ohne zu wissen welche Alternativen es für die Türkei gibt oder eben nicht gibt.

Die Pseudo-Sozialdemokratische CHP die mehrheitlich aus chauvinistischen Weißtürken besteht und weder sozial noch demokratisch ist, stellt die Oppositionsführung in der Türkei dar. Nationalistischer als die AK Partei es je sein könnte, verfolgten sie Jahrzehnte lange eine assimilative Politik gegenüber Kurden sowie religiösen Mehrheiten(!).

Die IYI Partei angeführt von Meral Aksener, einer rechten Politikerin die sich von der MHP abspaltete und ebenfalls von einer Blut und Boden Rhetorik nicht abweicht, kaum eine echte Alternative darstellt weder inhaltlich noch ideologisch einen Mehrwert für den Diskurs bietet. Sie konnte allerdings die Stimmen der MHP (Verbündeten der AKP) erfolgreich spalten und wurde zu einer starken strategischen Position in der türkischen Politik. Vor allem MHP Anhänger die Erdogan mehr hassen als sie Devlet Bahceli den Vorsitzenden der MHP mögen, waren leichte Beute für Meral Aksener.

Die SP (Saadet Partisi), von der sich Erdogan damals abgespaltet hat und die derzeit kaum 1% an Wählerstimmen erhält. Die harte Linie gegen Erdogan stößt auf kaum Verständnis unter den konservativen Wählern und wird eher als veraltet und überholt angesehen. Ältere uncharismatische Vorsitzende können es kaum mit dem Charisma Erdogans aufnehmen, selbst wenn sie sich zu den Weggefährten Erbakans, dem Ziehvater Erdogans zählen dürfen.

Die HDP, eine Partei deren offizielle Linie tatsächlich eine riesen Lücke in der Türkei schließen könnte und somit die erste linke Alternative für Millionen an linken Wählern darstellen hätte können. Die Vorgabe für alle Minderheiten in der Türkei eine politische Vertretung darstellen zu wollen, verschaffte der HDP vor wenigen Jahren ein Wahlergebnis von 13%. Viele frustrierte CHP Wähler die nach einer echten Linken in der Türkei hofften, wurden allerdings erneut von der HDP enttäuscht. Die engen Bande zur PKK, flogen in kürzester Zeit auf und das durch den Terror gebeutelte Land entzog seinen Vorschuss an Vertrauen schneller als es der HDP lieb war. Versuche sich von der PKK zu emanzipieren scheiterten kläglich und mit jedem Terrorakt, geriet die HDP zwischen die Fronten die nicht weiter voneinander entfernt sein könnten.

Durch das zuvor eingeführte Präsidialsystem scheint Erdogan genau in diese Kerbe zu schlagen. Die Opposition die gezwungen ist durch Allianzen der AKP-MHP Allianz entgegenzutreten, kommt nicht um eine Zusammenarbeit mit der HDP in südöstlichen Gebieten herum und diese wiederum kann sich nicht von der Terrororganisation PKK emanzipieren. Es ist undenkbar für patriotische TürkInnen eine Allianz zu wählen die seitens der PKK favorisiert wird. Dieses Prinzip scheint bei der PKK allerdings noch nicht angekommen zu sein, da sie offen verkündet, dass jede Stimme für die AKP eine Stimme gegen die PKK wäre. Somit übernehmen sie einen ungeheuren Bärendienst für die Opposition und Erdogan erhält das stärkste Wahlargument, das er sich wünschen könnte auf dem silbernen Tablett präsentiert.

Fortsetzung folgt…

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